Fundamente der Klangkunst – Festival Alter Musik

Festival Alter Musik: Fundamente der Klangkunst

27.–30. Mai 2027

Termine

Donnerstag, 27. Mai 2027, 19 Uhr, Fürstensaal

Alexander von Heißen, Cembalo und andere Tasteninstrumente: Tastenwanderung durch das Landgrafenschloss

Freitag, 28. Mai 2027, 19 Uhr, Fürstensaal

Vokalensemble Cantemus und Blechbläserensemble: Rund um Heinrich Schütz (Arbeitstitel)

Samstag, 29. Mai 2027, 16 Uhr, Fürstensaal

Ensemble Peregrinum: Pérola Barocca

Samstag, 29. Mai 2027, 20 Uhr, Fürstensaal

Printz Consort und Dryades Consort: 1527 – Musik und Leben im Jubiläumsjahr der Universität Marburg

Sonntag, 30. Mai 2027, 18 Uhr, Lutherische Pfarrkirche

Elina Albach und Ensemble CONTINUUM: Was frag ich nach der Welt?

Programm

Passend zum 500-jährigen Jubiläum der Philipps-Universität Marburg, die auch das Landgrafenschloss verwaltet, orientiert sich das Festival im Jahr 2027 thematisch an den grundlegenden Techniken der Musik­geschichte aus der Zeit der Universitätsgründung und der daran anschließenden Zeit. Der Cantus firmus – ‘feststehender Gesang’ – bezeichnet eine festgelegte Melodie, die als Grundlage einer mehrstimmigen Komposition dient. Im Mittelalter gewann die Verwendung solcher Melodien an Bedeutung; in der Renaissance wurden die entsprechenden Kompositions­techniken vielfältig weiterentwickelt. In der Barockzeit blieb der Cantus firmus vor allem in der Kirchenmusik in Gebrauch. Zugleich etablierte sich der Basso continuo, der Generalbass, als prägendes Element der Musik. Er besteht aus einer Basslinie und einer dazugehörigen Akkordbegleitung und bildet das harmonische Fundament des Satzes.

Was genau musikalisch in Marburg zur Zeit der Universitätsgründung geschah, ist leider kaum belegt, doch schien es notwendig zu sein, den Studierenden zu verbieten, nachts mit Gesang und Laute durch die Gassen zu ziehen:
„Nocturne tempore nemo in plateis cantet vel fidibus ludat aut alioqui vociferetur.“
‘Zur Nachtzeit soll niemand in den Gassen singen, die Laute spielen oder sonst laut ausrufen.’

In den fünf Konzerten des Festivals Alter Musik werden diese Fundamente der Kompositionstechniken aus der Renaissance – der Zeit der Universitätsgründung – und der nachfolgenden Musikepoche, des Barock, aus diversen Perspektiven herausgearbeitet und in verschiedenen Konzertformaten erlebbar gemacht:

  1. Tastenwanderung durch das Schloss: In verschiedenen Räumen des Landgrafenschlosses werden verschiedene Tasteninstrumente, passend zu den Räumlichkeiten und ihren Exponaten, von Alexander von Heißen bespielt. Dabei kommen Originalinstrumente wie auch nachgebaute historische Instrumente zum Einsatz.
  2. 1608 kam Heinrich Schütz als Jura-Student nach Marburg. Bevor er vom kulturbeflissenen Landgrafen Moritz nach Venedig zum Studium der Musik geschickt wurde, war er häufiger Gast im Landgrafenschloss. Seine Werke werden im Konzert des Vokalensembles Cantemus und dem Blechbläserensemble kurzweilig in Kontext gesetzt. Als Begrüßung vor Konzertbeginn werden die Bläser vom Schlossturm herunterblasen, wie dies die Türmer auch in Marburg über Jahrhunderte hinweg in diversen Funktionen traditionell taten.
  3. Das Ensemble Paradigma ist mit zwei Violinen, Viola, Violoncello, Cembalo und Theorbe besetzt. Das Programm „Pérola Barroca“ ist ein lebendiges Fest des Barock mit bedeutenden Vertretern des deutschen und italienischen Barock, darunter Vivaldi, Scarlatti und Telemann. Das Programm vereint Werke für Streichorchester, ein Konzert für Cembalo und Orchester, ein Stück für Cembalo solo sowie eine Sonate für Streicher ohne Cembalo. So entsteht ein vielfältiges Klangspektrum, das den Reichtum der barocken Instrumentalfarben eindrucksvoll zur Geltung bringt.
  4. Unter dem Titel „1527 – Musik und Leben im Jubiläumsjahr der Universität Marburg“ bietet das Programm einen Einblick in die Lebenswirklichkeit des Gründungsjahres der Philipps-Universität Marburg. Natürlich wurde auch damals geliebt und gezweifelt, philosophiert und gebetet, getrunken und gestorben. Das Ensemble zeichnet anhand von Motetten, Liedern und instrumentalen Werken prägnante Ereignisse aus dem Leben der Komponisten Ludwig Senfl, Adrian Willaert, Heinrich Finck und Philippe Verdelot nach. Es erwartet die Zuhörer weltliche und geistliche Musik, deren affektive Bandbreite vom intimen Lautenlied bis zur prächtigen mehrstimmigen Motette reicht. Was heute oft als „Alte Musik“ bezeichnet wird, entpuppt sich an diesem Abend als Transport­mittel zeitloser menschlicher Erfahrung.
  5. Mit dem Titel „Was frag ich nach der Welt?“ stellt das Ensemble Continuum unter der Leitung von Elina Albach eine der drängendsten Fragen unserer Zeit in den Mittelpunkt eines einzigartigen Konzertprogramms. Es ist ein künstlerischer Dialog, der Stücke aus den tiefgründigen Kantaten Johann Sebastian Bachs mit dem Cembalokonzert der zeitgenössischen Ausnahmekomponistin Caroline Shaw verbindet. Das Programm ist eine direkte künstlerische Antwort auf die aktuelle gesellschaftliche Situation. Die Dramaturgie wird maßgeblich durch das Bass-Rezitativ aus Bachs titelgebender Kantate BWV 94 „Was frag ich nach der Welt“ bestimmt. Die Arien und Chöre sind sorgfältig ausgewählt, um ein thematisch kohärentes Bach-Pasticcio zu schaffen. Durch eine bewusst erweiterte Instrumentierung, die neben idiomatischen historischen Instrumenten auch Viola da Gamba, Zink, Akkordeon und E-Gitarre einbezieht, entsteht eine neuartige, überraschende Klangwelt.

Künstler*innen

Alexander von Heißen (* 1995) ist ein hervorragender Cembalist und Kenner der Alten Musik. Er gewann mehrere bedeutende Preise und konzertiert international mit namhaften Musiker*innen und bei renommierten Festivals wie dem MA Festival Brügge und dem Festival Oude Muziek Utrecht. Nach Lehrtätigkeiten an den Musikhochschulen Köln, Münster und Frankfurt wurde er 2024 als Professor für Cembalo und historische Tasteninstrumente an die Hochschule für Musik und Theater Leipzig berufen. Neben der Alten Musik widmet er sich auch dem Jazzpiano.

Das Vokalensemble Cantemus hat sich die Pflege anspruchsvoller Ensembleliteratur durch verschiedene Epochen der europäischen und nordamerikanischen Musik­geschichte verschrieben. Neben instrumental begleiteten Werken stehen anspruchsvolle A-cappella-Projekte im künstlerischen Mittelpunkt des Kammerchores. Seit 2017 wird das Ensemble von Alexander Keidel-Euler (* 1989) geleitet. Es besteht derzeit aus 20 ambitionierten Sänger*innen aus dem Rhein-Main-Gebiet und Mittel­hessen. Beim Festival musiziert es mit einem aus Musikstudierenden bestehenden Blechbläserensemble zusammen.

Das international besetzte Berliner Ensemble Paradigma verbindet historische Auf­führungs­praxis mit künstlerischer Neugier und Experimentierfreude. Sein Repertoire reicht von der Spätrenaissance bis ins 20. Jahrhundert und umfasst auch Kompositionen seines Leiters Semion Gurevich (* 1990), die historische Klänge mit elektronischer Musik verbinden. Die Mitglieder des Ensembles sind Preisträger renommierter Wettbewerbe für Alte Musik wie der göttingen händel competition, der York Early Music Competition, dem Internationalen Berliner-Bach-Wettbewerb und dem Biagio-Marini-Wettbewerb.

Das vierköpfige Printz Consort, von Countertenor Franz Vitzthum gegründet und geleitet, besteht aus erlesenen Gesangsinterpreten der Alten Musik: Daniel Schreiber (Tenor altus), Sebastian Hübner (Tenor) und Matthias Horn (Bassus). Instrumental wird es durch den an der illustren Schola Cantorum Basiliensis wirkenden Lautenisten Julian Behr und das aus vier Gamben bestehende Dryades Consort ergänzt. Die Mitglieder des Consorts sind alle auch europaweit solistisch auftretende charismatische Musiker*innen: Silvia Tecardi, Elisabeth Rumsey, Giovanna Baviera und Leonardo Bartolotto.

Elina Albach (* 1990) ist eine international gefragte und vielfach ausgezeichnete Cembalistin. Mit ihrem Ensemble CONTINUUM entwickelt sie innovative Konzertformate, die Alte und zeitgenössische Musik verbinden und das barocke Repertoire neu interpretieren. Besonders große Aufmerksamkeit erregte ihre reduzierte Fassung von J. S. Bachs Johannes­passion während der Corona-Pandemie. Das in Marburg 14-köpfige Ensemble CONTINUUM ist ein fester Pool von Instrumentalist*innen und Sänger*innen, der Elina Albach ermöglicht, beinahe jede denkbare Version eines Stückes umzusetzen.